Universität Konstanz, Deutschland Paolo Monti, Dollar Image, 1989 PAOLO MONTI VIERDIMENSIONAL²
UNIVERSITÄT KONSTANZ GALERIE AUF DER EMPORE
Ausgewählte Schriften zur Kunst von Paolo Monti

 

 

Bis zum Nichts
Massimo Carboni, Dozent für Ästhetik, Akademie der Schönen Künste Florenz

- Auszug -

Künstlerische Praxis ist organisierte Anomalie. Sie ist sprachlich diszipliniert. Jenseits davon gibt es nur Geschwätz über „Kreativität“. Die Arbeit von Paolo Monti umkreist beständig – und schon seit einiger Zeit – diese Evidenz und dieses Bewusstsein mittels eines instrumentellen Filters (und eines Codes), der von der prosaischsten Handfertigkeit bis zur hochgezüchtetsten wissenschaftlich-technologischen Apparatur reicht. Vielleicht erscheint er gerade deshalb als katalytischer Drehpunkt (oder Verteiler?) einer Reihe von Bezügen, fundamentalen Problemen und Fragen, die sich auf zwei getrennte, aber eng miteinander verknüpfte, konzeptuelle und operative Bahnen verteilen.

“Un’immagine proiettata muta progressivamente fino alla sua completa sparizione”  Paolo Monti, IMMAGINE DI DOLLARO, 1989

Auf der einen Seite die Arbeit über das Geld, und daher über den Fetischismus des Wertes: Verlangen nicht nach der Sache, sondern nach dem Verlangen selbst. Schwindlige Höhen der vollständigsten Abstraktion, der fleischlosesten Virtualität und gleichzeitig der größtmöglichen faktischen Operativität. Der theoretisch-konzeptuelle Bogen reicht von Marx bis Simmel. Monti nimmt sich also konzeptionell und materialisch das Geld zum Gestaltungsobjekt: Figur seiner selbst und gleichzeitig des Anderen, höchster Wertausdruck, Mythologie des Mythos. Aber welche Elemente werden ins Spiel gebracht?

<<Der Tauschwert der Ware, als besondere Existenz neben der Ware selbst>>, schreibt Marx in den Grundrissen, <<ist Geld; ist die Form, in welcher alle Waren gleichwertig sind, sich konfrontieren und sich messen; ist das, worin sich alle Waren auflösen, das, was sich selbst in allen Waren auflöst.>> Die Arbeit von Paolo Monti scheint gleichzeitig die Paraphrasierung und die wörtliche Umkehrung der marxistischen These zu sein. Das Geld wird tatsächlich nicht als Form oder Mittel und folglich als allgemeines Äquivalent angenommen, sondern wird als Material einem Verfallsprozess unterworfen: es lösst sich nicht in der Ware auf, sondern in sich selbst. Das abstrakte Zeichen regrediert zu konkreter Tatsächlichkeit, Gestalt, (zeitlicher) Gegenwart. Geld ist seiner Natur nach keine Ware mit intrinsischem Wert, seine Qualität besteht exklusiv in seiner Quantität. Monti materialisiert den abstrakten Wert, das Phantasma; er kehrt den Prozess um, welcher zum Auschluss der Ware führt, die als Geld fungiert, und daher zur Bildung des allgemeinen Äquivalentes führt. Dabei wird die Ware auf den ursprünglichen Material-Objekt-Zustand mit seinem extremen, residuellen Gebrauchswert zurückgeführt. Zum Zeitpunkt x, wird sich die Banknote unter der Attacke von Säuren spurlos auflösen. „Zeit ist Geld“ sagt man. Hier ist es das Geld, welches Zeit ist. Bis zum Erreichen der totalen Entropie, bis zum finalen Konsum, bis zum Nichts.

Andererseits, gibt es im Schaffen Montis viel spezifischere Anlehnungen an naturwissenschaftlich-erkenntnistheoretische Verfahren, die sich auf eine hyper-technologische Dimension konzentrieren und fundamental verwurzelt sind in den Prinzipien der sinnlichen Wahrnehmung und in den von ihr aufgeworfenen Fragestellungen zu den Beziehungen zwischen Subjekt und Objekt, und zwischen Identität und Alterität. Dass schliesslich das „Objekt“ in Wahrheit eine Welt ist, ein Sinn-Horizont, und dass deshalb eine ethische Erfahrung entsteht, steht auf einem anderen Blatt. Tatsächlich ist es der Andere, welcher uns konstituiert; ohne zu vergessen, dass offensichtlich wir selbst die Anderen für die Anderen sind. Ohne solche Distanz kann keine Nähe entstehen.

Alle diese Dinge sind wohl bekannt. Hier werden sie in sehr synthetischen Termini nur deshalb in Erinnerung gerufen, weil sie – noch mehr als es beim ersten Hinsehen scheinen mag – etwas mit der hochentwickelten technologischen Arbeit von Paolo Monti zu tun haben. Die Themen sind genau jene der Beziehung zwischen Identität und Alterität, zwischen Subjekt und Objekt: mit ihrem reziproken Austausch und Abweichen, mit ihren kognitiven Labyrinthen, die einen an den anderen binden. Eine interaktive Praxis, in der der Betrachter die Manifestation des Werkes als solche möglich macht.

Gewiss, in der Arbeit von Paolo Monti offenbart sich das “Wunderbare”, das (hyper) technologische thaumazein: zwar auf verschiedenen Ebenen der Macht und der Verführung, aber es offenbart sich zweifellos. Tatsächlich werden die technologischen Prozesse (basierend auf Physik und Chemie) einfach gezeigt, ohne eine besonders eindringliche Bearbeitung seitens des Künstlers. Monti ist nicht auf der Suche nach der „immaginativen“ oder „ästhetischen“ Seite der Technik; es gibt bei ihm keinerlei pathetische Anmassung ideologischer Natur, die Technik humanistisch „zu erlösen“ durch Nachweis ihrer „Poesie“ oder „Kreativität“. Hier wird die Technologie in einer Weise genutzt, durch die sie autonom und spontan das eigentliche thaumazein produziert. Damit das aber auch zustande kommt, ist es nötig, sie – mit Duchampschem Gedächtnis – „in Stellung zu bringen“. Und das kann nur ein Künstler leisten.
 

Paolo Monti (Musis, 1998) - ISBN 88-87054-01-0Massimo Carboni, Professor für Ästhetik an der Fakultät für Kunst und Kultur der Universität Tuscia in Viterbo und der Accademia di Belle Arti in Florenz, Italien.

Auszug aus:
Bis zum Nichts
Until Nothingness  / Fino al nulla“ in Paolo Monti (Musis, 1998) - ISBN 88-87054-01-0, in der vorliegenden Textsammlung produziert für die personale Kunstausstellung von Paolo Monti, Vierdimensional², Konstanz (D), 2001.

 

 

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