Das Geld, das Portrait
und die vierte Dimension -
Zu den Arbeiten von Paolo Monti
Friedemann Malsch,
Direktor der Kunstmuseums Liechtenstein

Als ich Paolo Monti Anfang der 90er Jahre erstmals traf, zeigte er mir
ausnahmslos Arbeiten, die sich mit Geldscheinen beschäftigten. Gestapelt,
zerschnitten oder anderweitig bearbeitet kreisten sie stets um das abstrakte
System der Wertbestimmungen über den Geldschein. Zunächst erschien mir der
Ansatz Montis typisch in der Nachfolge von Joseph Beuys und Marcel Broodthaers
zu stehen, beide selbst Enkel des Übervaters Marcel Duchamp, der eine engagiert
und der andere ironisch ausgerichtet die Kontextualtät der Kunst thematisierend.
Duchamp hatte, vor allem mit seinen Ready-mades, auf die unumgängliche
Einbettung der Kunst in den grossen gesellschaftlichen und allgemein
zeitbezogenen Zusammenhang hingewiesen und die Notwendigkeit betont, dass sich
die Kunst diesem Kontext gegenüber nicht verschliessen kann.
Joseph Beuys griff die eher analytisch motivierte Haltung Duchamps auf und
verknüpfte diese mit dem gesellschaftspolitischen Engagement zahlreicher
historischer Avantgarden bis hin zum Surrealismus. Er entwickelte ein eigenes
System der Wirtschaftswerte, dessen Rahmendaten er in dem bekannten Vortrag auf
den Bitburger Gesprächen zu Beginn des Jahres 1978 zusammenfasste: "Was ist aber
KAPITAL? ...dass das nur die menschliche Fähigkeit sein kann. Der erweiterte
Kunstbegriff ist der konkrete Kapitalbegriff. KUNST = KAPITAL ...
Wer phänomenologisch den Strom der Wirtschaftswerte auf der Produktionsseite
anschaut, sieht Wirtschaftswert 1 als Fähigkeit (Kreativität), Wirtschaftswert 2
als geistige oder physische Konsumgüter, die aus dem Einsatz der Fähigkeit in
der Arbeit, im Zusammenhang mit den Stoffen der Natur entspringen.
Produktionsmittel wären als höher entwickelte Ressourcen anzusetzen. In diesem
Geschehen taucht kein Wirtschaftswert auf wie er heute dem GELD eignet." Obwohl
die Beuys'schen Wirtschaftswerte ebenfalls immateriell sind, unterscheidet sie
vom Geld ihre Anbindung an die "natürlichen" Fähigkeiten des Menschen als
Zentrum jeden wirtschaftlichen Geschehens: "Das GELD HAT SICH EMANZIPIERT und
ist zum Rechtsregulativ für alle kreativen Prozesse geworden. Die Neuschöpfung
des Geldes in dem DEMOKRATISCHEN ZENTRALBANKSYSTEM geschieht aus dem
NICHTS..."[i]
Die eher indifferenten Ansätze von Andy Warhol oder Robert Watts begnügten sich
dagegen mit der eher ironischen "Präsentation" des Geldscheines als gestaltetem
Artefakt. Warhol reproduzierte die Dollarnote in willkürlicher Anzahl und
Anordnung auf seinen Bildern der 70er Jahre, während Watts das geizige Horten
von Geldnoten als absurdes Verhalten blosslegte, z.B. in seiner Arbeit "Dollar
Bills in Wood Chest" von ca. 1976, die aus drei Stapeln von Reproduktionen von
Dollarnoten besteht, die passgenau in einem handwerklich sorgfältig gearbeiteten
Holzkasten liegen. Marcel Broodthaers nahm dagegen wiederholt in seinem Werk den
Zusammenhang von Kunstrezeption und Kunstmarkt auf, um ihn ironisch zu
unterlaufen. Doch bleibt seine Position stärker der Indifferenz Marcel Duchamps
verpflichtet. Intensiver mit dem Geldmarkt hat sich dagegen Thomas Huber in
seiner Installation "Die Bank", 1991, auseinandergesetzt, die zentrale Ideen von
Beuys wieder aufgreift, jedoch in einem eher poetischen Rahmen die
Vergleichbarkeiten thematisisert.
Paolo Monti geht gegenüber diesen Ansätzen einen ganz eigenen Weg. Ihn
interessiert weniger der gesamtgesellschaftliche Rahmen des Geldes als die
formalen Eigenschaften des Geldscheines sowie die paradoxale Logik, innerhalb
derer er sich bewegt. In vielen seiner Arbeiten stehen sich die physische
Präsenz der Banknote und die zur
Absurdität neigende Abstraktheit des Geldwertes
unvermittelt gegenüber. In ihnen scheint das Geld, von dem Beuys noch sagte,
dass es sich verselbständigt habe, in einem selbstreferentiellen System gefangen
zu sein. Die künstlerische Intervention dagegen verschafft dem Geld wieder eine
"Freiheit", indem sie die Banknoten mit chemischen Substanzen behandelt, die auf
Dauer zur Zersetzung der materiellen Basis des abstrakten Wertes führen. Dies
bedeutet, dass sich der abstrakte Wert, einmal losgelöst von der "irdischen"
Bindung an den Papierträger und seine Gestaltung, wieder in einem raumzeitlichen
Kontinuum befindet, in der vierten Dimension.
Noch in einem anderen Sinne geht Monti eigene Wege. Besonders die Werke der
letzten Jahre zeigen eine überraschende Wendung des Themas in Richtung auf eine
allgemeinere Thematisierung der Darstellbarkeit unsichtbarer Phänomene. Dabei
kommt es zu ungewöhnlichen Verknüpfungen zwischen allgemein KULTURllen
Fragestellungen und den früher so stark betonten Phänomenen des Geldes.
Kernbegriff in diesem Bereich ist die Äquivalenz. Dieser Begriff lässt sich
sowohl auf das Geldsystem wie auf wichtige ästhetische Aspekte der bildenden
Kunst anwenden. So spielt im Bereich der Komposition eines Bildes oder einer
Skulptur die Gewichtung der Elemente eine entscheidende Rolle. Am Schnittpunkt
zwischen Geld und Kunst stellt sich die Frage nach der Äquivalenz allerdings so:
"Besteht nun eine Äquivalenz von Kunst und Geld hinsichtlich ihrer beider
Verständnis der Begriffe Gleichgewicht und Äquivalenz? Während von Gleichgewicht
in bezug auf die Gesamtheit von Geldströmen in einer Volkswirtschaft gesprochen
werden kann, lautet die Frage nach der Äquivalenz am ehesten: Was ist diese oder
jene bestimmte Summe Geldes wert? Die Antwort scheint einfach und würde die
praktisch unendlich vielen Güterbündel umfassen, die man für das Geld jeweils
kaufen könnte. Was ist andererseits ein Kunstwerk wert? Klar ist, dass hier
nicht in erster Linie eine Preisangabe erwartet wird, obwohl freilich auch ein
Geldbetrag eines der vielen möglichen Äquivalente eines Werkes sein kann.
Picasso mag da den Nerv der Dinge getroffen haben, als er einer Dame, die ihn
vor einem seiner Gemälde fragte, was es denn darstelle, erwiderte: 'Madame, das
stellt 20 Millionen Francs dar'," [ii]
Ruft man sich dagegen die Beuys'schen Begriffe wieder ins Gedächtnis, werden
auch die Anliegen von Paolo Monti deutlich. Die Äquivalenz im Sinne einer
"Entsprechung" stellt die Verbindung her zwischen den abstrakten Werten, die der
Künstler "befreit" hat, und und den menschlichen Eigenschaften. Doch was sind
diese Eigenschaften überhaupt? Kann mann sie denn auch tatsächlich darstellen,
d.h. abstrahieren? Hier wird ein altes Thema der bildenden Kunst aufgegriffen,
das seit Platon besteht: was stellt ein Bild dar? Am deutlichsten wird dies in
den jüngeren Arbeiten Montis mit fotografischen Aufnahmen der Wärme- und
Kältezonen eines menschlichen Körpers. Die Aufnahmetechnik visualisiert
bestimmte chemische und physikalische Vorgänge im Körper und zeigt zugleich den
Umriss der menschlichen Figur. Sie sind also im eigentlichen Sinne Portraits.
Auch hierzu noch einmal Schiebler: "Da Äquivalenz nicht Gleichheit ist, kann es
nicht um Ersatz gehen (sondern um Übertragen, Umsetzen, Umsatz). Ein Portrait
soll die portraitierte Person nicht ersetzen, es ist eine eigene Realität, die
in mancher Beziehung weniger, in anderer mehr wert ist als die Person.
Allerdings kann als Äquivalent eines Portraits nicht die dargestellte Person
gelten, denn dann bliebe unverständlich, warum von mehreren Künstlern gemalte
Portraits derselben Person verschiedene Werte haben. Das Äquivalent ist das im
Geist des Künstlers geschaffene Bild. Diese zarte und ausdeutbare Erscheinung
ist aber nur in einem gleichartigen Medium zu realisieren: im Geist des
Betrachters... Nur Geld und Kunst besitzen diese Kombination aus hochkomplexer
Reguliertheit und universeller Offenheit - geprägte Freiheit. Es liegt an ihren
Benutzern, was sie daraus machen."[iii]
Monti nutzt das Portrait (meist handelt es sich um sein eigenes Abbild) um den
Begriff der Äquivalenz auch in diesem Fall ad absurdum zu führen. Dabei spielen
die formallogischen Aspekte dieser Frage eine wichtige Rolle. Trotz der
farblichen Attraktivität dieser Bilder und der erhalten gebliebenen
Wiedererkennbarkeit der menschlichen Figur wirken diese Bilder in einem
existenziellen Sinne leer. Auch hier bewegen sich die Bilder in einem
selbstreferentiellen System, das dazu neigt, sich in sich selbst zu erschöpfen.
Da aber, wie bereits deutlich wurde, Montis Überlegungen trotz aller logischen
Spiegelfechtereien auf eine existenzielle Ebene zielen, verfährt er auch bei den
Portraits konsequent indem er die Portraits zugleich formalen Reduktionen bis
zur Unkenntlichmachung der menschlichen Figur unterzieht. Auch hier erfolgt die
Freisetzung des abstrakten Wertes (in diesem Falle des Menschen, dessen Abbild
gezeigt wird) in ein nicht darstellbares raumzeitliches Kontinuum, in die vierte
Dimension. In ihr stehen experimentellen Verfahren wieder alle Wege offen. Monti
gewinnt der Alchemie also sowohl in einem "rationalen" (Geld) wie auch in einem
"nicht-rationalen" (Kunst) Raum Handlungsfreiheit zurück. Das lässt für die
Zukunft hoffen.
Dr. Friedemann Malsch, Direktor der Kunstmuseums Liechtenstein
Vaduz, Dezember 2000
[i] wieder in: Harten, Jürgen/Kurnitzky, Horst
(Hg), Museum des Geldes. Über die seltsame Natur des Geldes in Kunst,
Wissenschaft und Leben, Düsseldorf, 1978, II, S. 18
[ii] Ralf Schiebler, Äquivalenz, in: Harten, Jürgen (Hg), Das fünfte Element -
Geld oder Kunst, Köln, Dumont, 2000, S. 136
[iii] ibid
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