Universität Konstanz, Deutschland Paolo Monti, Dollar Image, 1989 PAOLO MONTI VIERDIMENSIONAL²
UNIVERSITÄT KONSTANZ GALERIE AUF DER EMPORE
Ausgewählte Schriften zur Kunst von Paolo Monti


 

PAOLO MONTI: VOM PHYSIKALISCH-CHEMISCHEN EXPERIMENT ZUR KUNST
14| k u n s t u n d k u l t u r | unikon | Alexia Sailer II.2001

PAOLO MONTI | k u n s t u n d k u l t u r | uni’kon II.2001

Die Figur scheint durchsetzt zu sein von geheimnisvollen Kraftfeldern.
Orangegelbe wolkenartige Strukturen füllen Gesicht und die nackten Arme der Gestalt aus. Hemd und Mütze sind zu erkennen, definiert durch blaulila gefärbte Flächen.

Die Erkenntnis dämmert: Das Bild eines Menschen, mit einer Thermokamera aufgenommen, ist hier zu sehen. Das Prinzip dieses Aufnahmeverfahrens: Die Wärmekamera bildet sozusagen Temperatur ab; je wärmer ein Objekt, desto mehr geht dessen farbliche Darstellung auf dem Kamerabild über in ein dunkles Orange. Je kälter, desto mehr geht die Farbe ins Blaue über. Ist das zu Bild gewordene wissenschaftliche Erkenntnis, was da in der Galerie der Universität auf der Empore ausgestellt wurde? Ja. Aber nicht nur.

 »Vierdimensional« lautete der Ausstellungstitel des Italieners Paolo Monti. Einer Ausstellung, die Wissenschaft, oder besser: Experiment und Kunst zusammenführte.
Die Wärmebilder sind ein Teil des Oevres von Monti aus den 90er Jahren. Porträts schafft Monti in dieser Technik. Allerdings nicht mehr Porträts, die eine Person in ihrem unverwechselbaren Äußeren abbilden und dabei vielleicht sogar gewisse charakteristische Eigenschaften im Bild festzuhalten versuchen. Monti erzeugt mit Hilfe des wissenschaftlichen Experiments unter Einsatz von Quecksilberspiegeln überindividuelle, da nicht mehr an eine Persönlichkeit gebundene, Porträts.

Stellt sich die Frage: Was ist Kunst bei Monti? Die Antwort ergab sich etwa in einem Werk, in dem der Schatten des Künstlerprofils vor dem Profil des Künstlers in Wärmedarstellung steht. Eine Anspielung auf die Anekdote vom Beginn der Malerei, als eine Frau den Schattenriss ihres Geliebten zeichnete, als dieser in den Krieg zog.

Konzeptkunst führte Monti vor, »à la Duchamp«, wie Friedemann Malsch, Direktor des Kunstmuseums Liechtenstein, zur Einführung der Ausstellung erklärte. Dies wurde auch im zweiten Werkkomplex, mit dem sich Monti beschäftigt, deutlich: Geld. Oder besser: Zersetzung oder Zerfall von Geld. Arbeiten wie die Installation »Riechen Sie daran....« machen Spaß und atmeten durchaus Hintersinn. Die Zersetzung einer Dollarnote zu beobachten und daneben Zeugnisse des auf Cibachrome gebannten Verfalles des Geldes zu sehen, erweckte Neugierde und ist natürlich mit vielen Implikationen behaftet. Doch war es nicht vielleicht etwas hoch gegriffen, Monti in einem Zug mit der Innovation und den vielschichtigen, hochreflexiven Bedeutungshorizonten eines Marcel Duchamp zu nennen?

Der Konstanzer Wirtschaftswissenschaftler Prof. Nikolaus Läufer brachte Montis Werk mit einem Geldtheorie-Konzept in Verbindung. Er erinnerte an das sogenannte Schwundgeld, das in den dreißiger Jahren, so Läufer, von Silvio Gesell erfunden wurde. Die Sorge damals: Geld sparen schadet der Wirtschaft. Um die Ökonomie anzukurbeln, musste das Geld einem geplanten Verfall ausgesetzt werden - damit die glücklichen Geldbesitzer ihren Reichtum auch gleich wieder investierten, bevor er verfällt.

Die Implikationen waren deutlich: Auch Paulo Monti produziert eine Form von Geldschwund; einmal zerstörte sich das Geld durch chemische Zersetzung quasi selbst, im Falle von »Riechen Sie daran...« wurde der Betrachter aktiv durch Knopfdruck zum Zerstörenden - und natürlich hatte der Künstler selbst in Arbeiten wie den in eine Plexiglasplatte gegossenen, aneinandergereihten oberen Rändern von 50.000 Lire-Scheinen seine Hände im Spiel.

Spätestens bei dieser Arbeit jedoch wurde bei Monti aus Geldverfall »wie durch Zauberhand« Geldvermehrung, wie Friedemann Malsch bei der Vernissage schmunzelnd erklärte: Paulo Monti ging mit den ihres Randes beschnittenen Geldscheinen zur Bank - und tauschte sie kurzerhand gegen neue aus.

Alexia Sailer

 

 

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